Dawai

Bei McDonalds, am Nachbartisch, eine Familie. Vater, Mutter und zwei Mädchen, im Alter von acht oder neun Jahren, wahrscheinlich Zwillinge. Beide Mädchen haben aufwendig geflochtene Haare, hübsche Sommerkleider und goldene Sandalen mit blinkenden Edelsteinimitaten. Auch die Mutter ist aufwendig frisiert und gut gekleidet. Der Vater stämmig, mit kantigem ausdruckslosem Gesicht. Wenn er etwas zu seinen Töchtern sagt, verzieht er keine Miene. Als sein Telefon klingelt, geht er nach draußen auf den Balkon, der sich um den ersten Stock des Restaurants zieht. Kurz bevor er das Gespräch beendet, kommt er wieder herein. Im Gehen sagt er „Dawai, dawai“ ins Telefon, dann „Tschüss“, dann legt er auf.

Die Töchter setzen sich übergroße Fake-Brillen mit rosa Plastikgläsern von McDonalds auf. Ich muss unwillkürlich lächeln. Aber auf dem Gesicht des Vaters wieder nichts. Auch die Mutter verzieht keine Mine. Sie spricht ernst mit einem der beiden Mädchen, das etwas will, was die Mutter nicht will, das ist zu sehen. Aber es nörgelt nur kurz, dann ist es still.

Als alle gehen, wenden sich die Töchter nach links, der Vater und die Mutter nach rechts. Die Mutter sieht zu den Töchtern hinüber, macht eine Handbewegung, die wohl auch, „dawai, dawai“ bedeuten soll, „los, los“. Dann gehen alle hinunter.

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Wir

Von der Berliner Autorin Irina Liebmann gibt es ein lesenswertes Buch über ihren Vater: „Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolph Herrnstadt“. Herrnstadt war Kommunist, aber bis in die 1930er Jahre hinein einer der wichtigsten Autoren von Theodor Wolfs bürglichem „Berliner Tageblatt“. Nebenbei arbeitete er für den Geheimdienst der Roten Armee, floh aus Nazideutschland erst nach Warschau, dann nach Moskau, kehrte im Mai 1945 zurück und gründete in der sowjetischen Besatzungszone die „Berliner Zeitung“ und das „Neue Deutschland“, dessen Chefredakteur er bis 1953, bis zu seinem Rausschmiss aus der SED war. Es ist ein eindrucksvolles Buch, in dem Liebmann ihren Vater und die teilweise haarsträubenden Widersprüche zu erklären versucht, mit denen er gelebt hat. Obwohl ihn die Partei und die Genossen immer wieder enttäuschten, ja verrieten, und seine Versuche für mehr Realismus und Demokratie in der Partei unterminierten, blieb er bis zu seinem Tod Kommunist.

Bei der Lektüre der politischen Texte Herrnstadts fällt Liebmann die unterschiedliche Verwendung der Personalpronomen „ich“ und „wir“ auf. „Wer »ich« sagt, redet von seiner Schwäche“, schreibt sie. „Das fällt mir auf einmal sehr auf. Wer »wir« sagt, der will um keinen Preis schwach sein, denn wer schwach ist, verliert, und dann wird er getötet – das ist vor allem die Erfahrung der Kommunisten, und überwintert und erlitten ist etwas anderes als verfolgt und getötet.“ Damit ist auch die Verfolgung unter dem Stalinismus gemeint. Denn die meisten Opfer Stalins, das wird oft vergessen, waren überzeugte Kommunisten.

Als ich diese Stelle las, fiel mir ein ganz anderer Text ein, Saša Stanišić „Vor dem Fest“. In diesem Roman des 1992 mit seiner Familie aus Bosnien nach Deutschland geflohenen Autors taucht schon am Anfang ein „Wir“-Erzähler auf. Ein ungewöhnlicher Fall, denn nur selten ist in der Literatur der Gegenwart ein solcher Kollektiverzähler zu finden. „WIR SIND TRAURIG“, heißt der erste Satz. „Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot.“ Ein „Wir“, das mich sofort in den Text gezogen hatte, so, als würde ich Teil des in dem Roman beschriebenen fiktiven uckermärkischen Dorfes mit seinem Stasioffizier, der sich umbringen will, seinen tumben Neonazis, seinen mystischen Frauen und Heimatforschern. Ein „Wir“, das in eingeschobenen Kapiteln immer wieder aufgenommen wird und den eigentümlichen Ton des Romans ausmacht, auch wenn viele Kapitel von einem allwissenden oder – in anderen – von einem personalen Erzähler bestimmt werden. Es ist ein versöhnlicher Roman, auf den die deutsche Gesellschaft offenbar gewartet hat, denn „Vor dem Fest“ wurde zum Bestseller. Maxim Biller hat dem Roman vorgeworfen, im Gegensatz zu Stanicic Erstling „Wohlfühlliteratur“ zu sein. Für ihn ist der Roman Beispiel einer migrantischen „Onkel-Tom-Literatur“, einer Literatur, die ihre eigene Stimme aufgegeben und sich der deutschen Mehrheitsgesellschaft angepasst hat.

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Die sichtbare Geschichte

Letztes Jahr, am Anfang der Pandemie, zweifelte eine Freundin an der Existenz von Corona. Als Argument führte sie ein Youtube-Video an, in dem jemand das Blut „einer Ziege an die WHO schickt und die das dann positiv getestet hat“.

Aber nicht nur zur gegenwärtigen Pandemie verbreitet das Video-Portal von Google Lügen und Falschmeldungen. Auch von Rechtsradikalen wird Youtube gerne dazu genutzt, um die Geschichte in ihrem Sinne umzuschreiben. Im Zusammenhang mit der Recherche zu Przemysl war ich dort auf einen Film von Stuart Russell gestoßen, dem Schwiegervater von Andreas Kalbitz. Der inzwischen aus der AfD ausgeschlossene Rechtsradikale wird im Abspann der Dokumentation „Von Garmisch bis in den Kaukasus. Die Geschichte der 1. Gebirgsjägerdivision 1941 -1942“ als Drehbuchautor aufgeführt. Zu Wort kommen darin ehemalige Offiziere der Division sowie der „international renommierte Historiker und Universitätsdozent“ Dr. Heinz Magenheimer, ein österreichischen Militärhistoriker, der seit den 1990er Jahren zum Überfall auf die Sowjetunion 1941 die wissenschaftlich widerlegte „Präventivschlagthese“ vertritt. Demnach war Hitler gezwungen, in die Sowjetunion einzumarschieren, weil Stalin kurz davor stand, Westeuropa zu erobern. In Russells Film, der 2009 erschienen ist, spricht Magenheimer zwar nicht mehr von einem Präventivkrieg, sondern von einem „Entscheidungskampf“, was aber nichts daran ändert, dass er den Überfall auf die Sowjetunion wegen der angeblichen Angriffspläne Stalins als unvermeidbar ansieht.

Damit kein schlechtes Licht auf die Division fällt, endet Russells Geschichte der Gebirgsjäger mit dem Rückzug aus dem Kaukasus 1942. So muss der Film die danach verübten Kriegsverbrechen der „Edelweißdivision“ nicht erwähnen. Soldaten der Gebirgsjäger hatten in der zweiten Hälfte des 2. Weltkriegs in Albanien, Griechenland und Jugoslawien Tausende Kriegsgefangene sowie Frauen, Kinder und Alte ermordet. Nach dem Krieg, in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse, wurde ihr Kommandant, General Hubert Lanz, als Kriegsverbrecher verurteilt. Allerdings fiel die Verurteilung milde aus; bereits 1951 wurde er wieder entlassen, was er – wie man heute weiß – unter anderem den Falschaussagen seiner „Kameraden“ zu verdanken hatte, die ihn noch sechzig Jahre später als „Zeitzeugen“ in „Von Garmisch in den Kaukasus“ als „begnadeten Truppenführer“ und für seine „väterliche Sorge um seine eigene Truppe“ bewundern.

Russell und Kalbitz haben es leicht mit ihrer Verharmlosung der 1. Gebirgsdivision, kann ihr Film doch auf der sichtbaren Geschichte zurückgreifen, die die Geschichte der Täter ist. Denn nur aus der Perspektive der Täter – abgesehen von wenigen Ausnahmen – sind Bilder über den 2. Weltkrieg vorhanden und prägen unsere Vorstellung von dieser Zeit. Die Geschichte der Opfer ist in dieser Hinsicht unsichtbar, weil es von ihr nur in seltenen Fällen Bilder gibt. Im Abspann wird dem Kriegsberichterstatter Wolfgang Gorter gedankt, der das Filmmaterial für „Von Garmisch in den Kaukasus“ aus seinem privaten Archiv zur Verfügung gestellt habe. Filmmaterial, mit dem er über weite Strecken auch die Propagandafilme des Dritten Reiches hätte bestücken können und wahrscheinlich auch bestückt hat.

Für den unbedarften Zuschauer des Youtube-Videos wirken die Erinnerungen der alten Kämpfer authentisch und ihre Erzählungen über die Edelweißdivision erscheinen als wahr. Auch die Art des Films macht einen seriösen Eindruck, was nicht zuletzt an der sonoren Erzählerstimme von Nick Benjamin liegt, den Russell und Kalbitz für den Film engagiert haben. Benjamin ist eine der bekanntesten deutschen Off-Stimmen. Er war Sprecher in dem Musical „König der Löwen“, sprach die Anmoderation im „Aktuellen Sportstudio“ und man hört ihn in zahllosen Dokumentarfilmen, unter anderem in Guido Knopps ZDF-History-Sendungen zur Nazizeit und zum Zweiten Weltkrieg.

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Die unsichtbare Geschichte

Der Himmel war strahlend blau, als um zwanzig nach neun der Zug in Przemysl einfuhr. Ich packte meine Sachen zusammen, stieg aus und ging den langen Bahnsteig in Richtung Unterführung. Für eine 60.000-Einwohner-Stadt ist der Bahnhof eigentlich zu groß. Aber es handelt sich in Wirklichkeit auch um zwei Bahnhöfe. Denn vier der zehn Gleise sind für die russischen Breitspurzüge vorgesehen. Zu erreichen sind sie nur über einen separaten Eingang. Von dort kann man dann quer durch die Ukraine bis nach Minsk, Moskau oder in den Süden nach Odessa reisen. Mein Zug, der mich um 13:10 Uhr nach Lemberg bringen sollte, fährt zwei Mal am Tag von Przemysl nach Kiew und zurück.

Der große Bahnhof weist auch auf die Bedeutung Przemysls als wichtige Grenzstation zur Ukraine hin. Erbaut haben ihn Anfang des zwanzigsten Jahrhundert die Österreicher, die hier bis zum Ende des Ersten Weltkriegs herrschten. Sie haben der Stadt kein Glück gebracht, auch wenn die Pracht des liebevoll restaurierten Empfangsgebäudes mit seinen Säulen, Verzierungen und Wandgemälden etwas anderes versprach. Denn neben dem Bahnhof haben die Habsburger zwei Festungsgürtel um den strategisch wichtigen Ort gelegt. In den zahlreichen dazugehörenden Forts waren 130.000 Soldaten stationiert. Lange florierte die Stadt auch durch die große Garnison. Aber dann kam es umso schlimmer. Przemysl wurde monatelang von der russischen Armee belagert. Über 100.000 Menschen starben hier allein bis 1915.

Die Bahnhofshalle ist von der Sonne hell erleuchtet. Auch der lange Gang zur Bahnhofsgaststätte, „Perle von Przemysl“, ist lichtdurchflutet. Sie besteht aus einem riesigen Raum, der wie die Bahnhofshalle über zwei Etagen hoch ist. Auch hier Wandgemälde und hoch oben eine zweite Reihe von Fenstern, die den Eindruck erwecken, als hätte man die Decke zum ersten Stock einfach weggelassen. In Deutschland gab es bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ähnlich eindrucksvolle Bahnhofsgaststätten. Dann kamen die Autos, die Flugzeuge und am Ende das Controlling der Deutschen Bahn AG mit ihren Boutiquen und McDonalds.

Ich bin fast allein. An einem Tisch am Fenster sitzt nur noch ein Paar. Die Bedienung kann kein Englisch, aber der Besitzer, den sie herbeiruft, kann es umso besser. Es ist ein jungen Mann, korrekt gekleidet, mit kurz geschnittenem Bart. Bei ihm bestelle ich ein Frühstück, das kurz darauf kommt und mit seinen gebratenen Würstchen sehr englisch ist.

Danach habe ich noch Zeit und gehe in die Stadt. Weil ich keinen Stadtplan habe, laufe ich zufällig gewählte Straßen um den Bahnhof entlang. Ich lande vor einem Gebäude, das durch seine ungewöhnliche Form mein Interesse weckt: hohe Fenster und ein niedriges, abgerundetes Dach. Aber erst der Blick auf eine Tafel neben der Eingangstür bringt mich auf die Spur. Es handelt sich um eine ehemalige Synagoge, 1910 errichtet von Moische Steinbach, nach der sie auch benannt ist. Kurz vor der Übergabe an die Sowjets, die gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt den südöstlichen Teil von Przemysl besetzten, wurde sie von den Deutschen zusammen mit einem Großteil des jüdischen Viertels niedergebrannt, im Gegensatz zur Hauptsynagoge jedoch nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Vor der deutschen Besetzung Polens gab es in Przemysl und Umgebung etwa 30.000 Juden. Zwischen dem 15. und 19. September 1939 ermordeten Mitglieder der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD unter Beteiligung der Wehrmacht 600 Juden. 1942 wurden 24.000 Juden aus Przemysl und Umgebung nach Belcec deportiert und dort ermordet. Aber es gab auch zwei Deutsche, die in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt werden. Der Rechtsanwalt und Oberleutnant Albert Battel, NSDAP-Mitglied seit 1933, rettete zusammen mit seinem Vorgesetzten, Major Max Liedtke, Juden vor der Deportation. Battel ließ nach Absprache mit Liedtke am 27. Juli 1942 die Brücke über den San sperren. Es war damals die einzige Möglichkeit, über den Fluß in den nördlichen Teil der Stadt zu gelangen. Unter Androhung von Waffengewalt konnte er die SS davon abhalten, in das dort von den Deutschen eingerichtete Ghetto einzumaschieren, um die Juden zu deportieren. Er und Liedtke transportierten danach mit Hilfe von zwei Lastkraftwagen Juden mit ihren Familien aus dem Ghetto und versteckten sie zeitweilig auf dem Gelände einer Wehrmachtskaserne. Sie legitimierten ihre Aktion damit, dass die Juden als Arbeitskräfte für die Wehrmacht unverzichtbar wären. Am Ende konnten sie etwa fünfhundert von ihnen retten.

Im Ganzen gesehen blieben Battel und Liedke eine Ausnahme, so selten, dass es nicht ins Gewicht fällt. Aber erwähnenswert. Erwähnenswert ist auch, dass sich beide, nachdem ihre Aktion bekannt wurde, nur geringen Disziplinarstrafen ausgesetzt sahen. Nach geheimen Ermittlungen gegen Battel wollte ihn Heinrich Himmler zwar wegen „Judenfreundlichkeit“ aus der Partei werfen; interessanterweise aber erst nach dem Krieg. Offenbar fürchtete er, mit seinem Rausschmiss zu viel Aufsehen zu erregen und damit Aufmerksamkeit auf die Ermordung der Juden zu ziehen.

Battel schied 1944 wegen eines Herzleidens aus dem Militärdienst aus, überlebte den Krieg und starb 1952. Bezeichnend ist das Entnazifizierungsverfahren, dem er sich wegen seine NSDAP-Mitgliedschaft ausgesetzt sah. In dem Spruchgerichtsverfahren wurde ihm ein konkreter Fall der Nutznießerschaft bei der Arisierung vorgeworfen. Es gab auch Zeugen, die, neben denen, die ihm die korrekte Behandlung von Juden bescheinigten, behaupteten, er habe mit der Gestapo gedroht. Die Widersprüchlichen Angaben führten dazu, dass er als Mitläufer eingestuft wurde und seinen Anwaltsberuf nicht mehr ausüben durfte. Weil er so früh starb, wurde er – im Gegensatz zu allen anderen Juristen, die dem NS-Regime gedient hatten – nach der Gründung der Bundesrepublik nicht rehabilitiert. Unter ihnen waren auch zahllose Verbrecher, die, ohne dazu verpflichtet zu sein, Todesurteile für geringfügige Vergehen verhängt hatten, wie z.B. illegales Schlachten eines Schweins, Bau eines Kurzwellensenders, mit dem man „Feindsender“ hören konnte usw. Alle arbeiteten als Rechtsanwälte, Richter und Staatsanwälte weiter und starben ohne für ihre Taten belangt worden zu sein.

Die Sonne schien auf die Synagoge, die nach dem Krieg als Stadtbibliothek genutzt worden war. Was sich heute in dem Gebäude befindet, konnte ich nicht herausfinden. Ich machte ein paar Fotos, auch von den daneben stehenden unrenovierten Häusern mit ihren pittoresken Balkonen. Das Vergehen der Zeit ließ sich am abplatzenden Putz der Fassaden ablesen – ein sichtbarer Hinweis auf die unsichtbare Geschichte der Stadt.

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Nowa Huta

Als ich morgens das Rollo in meinem Abteil hochzog und hinaussah, flog das Bahnhofsschild von Nowa Huta vorbei. Ich hatte den Namen dieses Krakauer Vororts bereits in meiner Kindheit gehört. Er klang vielversprechend futuristisch, wie eine Stadt aus einem Science-Fiction-Roman. Aber ich wusste nicht, wo Nowa Huta liegt. Zeitweise glaubte ich, es müsse der Name einer Stadt in Jugoslawien sein; wahrscheinlich verwechselte ich es mit Novi Sad. Dann hatte A., als wir vor zehn Jahren in unsere Wohnung einzogen, eine schwarz-weiße Postkarte im Bad aufgehängt, auf der ein lächelndes kleines Mädchen zu sehen ist, das in einer ungewöhnlich kurzen, hochwandigen Badewanne in einer winzigen Küche sitzt. Auf der Rückseite las ich: „Nowa Huta, lata 60-te / 1960s“. Und: „Posh Commy – Krakow, Poland“. Seitdem weiß ich, das Nowa Huta in Polen liegt.

Das Foto erinnerte mich an meine eigene Kindheit. In dem Reihenhaus, in das meine Eltern mit mir und meiner Schwester Anfang der 1960er Jahre gezogen waren, wohnte im ersten Stock wegen des damaligen Wohnungsmangels noch eine junge Frau. Sie hatte ihr eigenes Bad. Unser Bad im Erdgeschoss war so klein, dass nur eine hohe Sitzbadewanne hineinpasste. Ich liebte diese Wanne und bevorzugte sie auch noch, als die Frau ausgezogen war, und ich in der großen Wanne hätte baden können. In der Sitzwanne war das Wasser tiefer; dort konnte ich viel tiefer tauchen.

Wo Nowa Huta genau liegt, erfuhr ich erst jetzt, als das Bahnhofsschild vorbeiflog. Nie hatte ich den Ort zu dem Namen recherchiert, auch nicht, nachdem ich die Beschriftung der Postkarte gelesen hatte. Der Name hatte mir gereicht.

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