Der Schornstein

Die ganze Nacht hatte es geregnet. Die Stadt roch nach Feuchtigkeit, die als dünner Film auf allem lag. Der Asphalt glänzte tiefschwarz, hellbraun gesprenkelt von den Blättern, die der verspätete Herbst überall verteilt hatte. Die Straßen waren leer, nur hier und da ein Frühaufsteher oder ein Heimkehrer, der die Nacht durchgemacht hatte. E. und ich fuhren am leeren Pförtnerhäuschen vorbei auf den Hof der Schlossparkklinik. Ich auf dem Rad, E. im Anhänger.

Wir waren zu früh an diesem Sonntagmorgen; der Schwimmkurs sollte erst in einer halben Stunde im Reha-Schwimmbad beginnen. Ich schloss das Rad vor einem Quergebäudes der Klinik an und ließ E. aus dem Anhänger. Dann trat ich einen Schritt zurück und sah mich um. Über dem Dach eines weiteren, älteren Gebäudes, das eine schmale Straße weiter hinunter stand, ragte ein hoher Schornstein. Wozu mochte er gehören? Vielleicht zum älteren Teil des Krankenhauses, dass es schon im 19. Jahrhundert gegeben hatte? Direkt neben dem Quergebäude befand sich ein weiteres Haus aus gelben Klinkern, das wohl aus den 1980er Jahren stammte. Es war nicht ganz klar, ob es ebenfalls zum Krankenhaus gehörte, denn die Fassade war übersät mit kleinen Balkonen. Vielleicht ein Appartementhaus? Doch die Wohnungen schienen leer zu stehen. Nur auf zwei der vielen Klingeln neben der Eingangstür, die E. und ich uns ansahen, standen zwei Namen; auf allen anderen eine Nummer.

Die Stille, die alles umgab, hatte zwei Seiten. Sie war beruhigend, so, als würde die Zeit stillstehen und mit ihr alle Probleme ruhen. Aber die Leere, die uns umgab, war gleichzeitig die Abwesenheit von Leben. Vielleicht spürte auch E. das, denn sie blieb stehen. Sie zweifelte daran, ob man die Straße, die über das Gelände führte, weitergehen dürfe. Ich redete beruhigend auf sie ein und ging weiter. Nach kurzem Zögern folgte sie mir, und hinter einer weiteren Gebäudeecke, zwischen Bäumen, tauchte ein offenbar stillgelegtes Kesselhaus auf, zu dem der hohe Schornstein gehörte. Es schien schon lange leer zu stehen. Auf dem kleinen Platz davor stand eine gelbe Telefonzelle. Ein altes Modell aus Metall, keines mit runden Kanten und gelbem Plastik überzogenes der späten Bundespost, auch keine lila-graue Zelle der letzten, der Telekom-Generation. Wie aus der Zeit gefallen stand sie da und als ich die Tür öffnete, erkannte ich sofort das typische, wie aus einer fernen Vergangenheit kommende metallische Knarren und Knacken.

Es war eine Bücherzelle. An der Rückwand, auf einem Regal, standen Bücher, die sich einmal gut verkauft hatten. Manchmal fand man zwischen den alten Bestsellern etwas und ich konnte nie an einer solchen Zelle vorbeigehen ohne hineinzusehen. E. begutachtete die unteren Reihen und zog ein Bilderbuch mit dicken Pappseiten und kyrillischen Buchstaben hervor. Auf dem Titel war ein Jungen mit großen Augen zu sehen. Neben ihm sprang ein riesiger, lachender Hecht aus dem Wasser eines Sees. Offenbar ein russisches Märchen.

Auf der obersten Reihe weckten zwei Bücher mein Interesse. Yakub Kadris Roman, „Der Fremdling“, den ich bereits kannte. Kadri war in Istanbul in der osmanischen, kulturell an Europa orientierten Oberschicht aufgewachsen und im Ersten Weltkrieg Offizier gewesen. Sein Ich-Erzähler ist wie er Offizier und geht, weil er nicht weiß, wo er bleiben soll, nach der Niederlage des Osmanischen Reichs gegen die Alliierten mit seinem Adjudanten in dessen anatolisches Heimatdorf. Um dort eine ihm völlig fremde Welt vorzufinden. „Wir sind keine Türken, Herr“, steht hinten auf dem Schutzumschlag. „Ja, was seid ihr dann? Wir sind Mohammedaner, Gott sei Lob und Dank.“

Das andere Buch stammte von Lucien Goldmann, einem französischen Literaturwissenschaftler. Als Jude hatte er im Widerstand die deutsche Besatzung Frankreichs überlebt. Ein Buch, dass ich nicht kannte: „Soziologie des Romans“. Ich las ein bisschen in das erste Kapitel hinein, während E. mit dem russischen Märchen in der Hand die nähere Umgebung inspizierte. Goldmanns Buch war in Frankreich 1964 das erste Mal erschienen. Man spürt den damaligen Optimismus fast auf jeder Seite. Dass es einen Fortschritt gibt, in diesem Fall einen literaturwissenschaftlichen Fortschritt. Es gäbe allerdings einen Widerstand im Denken zu überwinden, schreibt Goldmann. Einen großen, epochalen, einen wie den, den viele entwickelten, als behauptet wurde, dass die Erde eine Kugel sei und nicht flach, wie es jeder sehen könne. „Was erscheint heute absurder“, wird hinten auf dem Buchdeckel aus dem Text zitiert, „als die Behauptung, dass die wahren Subjekte des kulturellen Schaffens die sozialen Gruppen und nicht die Individuen sind, wo sich doch jeder durch eigene, unmittelbare und scheinbar unbestreitbare Erfahrung davon überzeugen kann, dass jedes literarische, künstlerische oder philosophische Werk von einem Einzelindividuum geschaffen wird.“

Ich ließ den Kadri stehen, nahm den Goldmann mit. Und ging mit E. zum Schwimmen.

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