Ein warmer Herbsttag mit schönem Wetter. Zusammen mit Freunden und ihrer Tochter im Alter von E. auf dem Tempelhofer Feld, um Drachen steigen zu lassen. Selbst der Wind spielte mit. Zwischen den beiden Start- und Landebahnen des stillgelegten Flughafens, auf der kurz zuvor geschnittenen sommerlich duftenden Wiese, stiegen die Drachen mühelos in den blauen Himmel. Der Tag hätte nicht schöner sein können.

Danach Spaziergang auf der südlichen Landebahn in Richtung Osten, Richtung Neukölln. Am Ende des breiten Asphaltstreifens mit seinen gigantischen Pfeilen Richtung Westen ein halb improvisiertes Café unter freiem Himmel. Die Wiese war leer gewesen, hier tummelten sich die Menschen. Neukölln, der bundesweit bekannte Stadtteil, der fast schon als Inbegriff großstädtischer Verwahrlosung und Kriminalität gilt, ist hier inzwischen so hip und teuer, dass die arabischen Clans mit ihren 0,19% Beteiligung an der Berliner Kriminalität um ihren Kiez fürchten. Die Leinestraße dann wiederum idyllisch wie Garmisch-Partenkirchen ohne Touristen. Nur die Aluminium-Schallschutzfenster in den Häusern erinnern noch daran, dass hier einst das eigene Wort nicht zu verstehen war, weil Transportmaschinen des US-Militärs hier knapp über den Fernsehantennen hinweg auf dem Flugplatz landeten.

Und dann die Hermannstraße, wo alles wieder auf das prekäre Neukölln gedreht ist, aber das Leben nur so sprudelt. Auf dem Bürgersteig Menschenmassen aus allen Herren Ländern. Die Läden meist Restaurants mit internationalen Spezialitäten, Schwergewicht auf den Orient, gern auch in Kombinationen, also etwa Falafel und Pizza oder Döner und Sushi. Die letzten Jahre haben hier die erste Stufe der Gentrifizierung eingeleitet, die vielleicht die bunteste ist, weil die Preise für Neuvermietungen von Wohnungen zwar exponentiell gestiegen sind, aber jeder, der sich selbstständig machen will, hier aufgrund der geringen Kaufkraft der meisten Bewohner noch einen Laden zu einer erschwinglichen Gewerbemiete findet. Und es dann mit der noch so absurden Geschäftsidee versuchen kann. Die nächste Stufe ist die Ballermannstufe, also Restaurantketten der ewig gleichen Texmex-, Pizza- und Asia-Restaurantketten. Den Endkampf um die Stadt gewinnen dann allerdings in einer dritten Stufe die Besserverdienenden, die Rechtsanwälte und Notare, Immobilienbesitzer und -makler mit ihren Edelrestaurants, in denen die Kellner aussehen wie Angestellte von Bestattungsinstituten. Carpe diem heißt es also, nutze den Tag und das bunte Leben.

Auf dem S-Bahnhof Hermannstraße, der unter einer breiten Brücke liegt, drei junge Sikhs mit rostfarbenen Turbanen – wahrscheinlich aus Indien eingeflogene IT-Spezialisten. Aber selbst ein Informatik-Studium schützt nicht vor deutschen Fahrkartenautomaten! In einer langwierigen Diskussion versuchten sie herauszufinden, wie ein Ticket von diesem Wunderwerk deutscher Technik erworben werden kann. Und ja, da kommen sie auch schon, die zwei älteren Damen, die mir bereits oben auf der Straße aufgefallen waren, weil ich sie vom Sehen her aus unserer Gegend kenne. E. sagte später, die hätten ja „so Oma-mäßig nett ausgesehen“. Sie setzten sich auf das andere Ende der Bank, auf der wir neben dem Automaten warteten. Die jüngere, wahrscheinlich Mitte fünfzig, ist die Mutter eines Jungen im Alter von E. Mit seiner Uroma, die ich für seine Oma hielt, hatte ich mich vor ein paar Jahren mal auf dem Spielplatz ganz nett unterhalten. Wahrscheinlich ist sie inzwischen gestorben, weil ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Die ältere muss die Großmutter des Jungen sein. Alle drei – bzw. mit dem Jungen vier –, tauchten in unserer Gegen in wechselnden Kombinationen immer mal wieder auf.

„Ick bin ja nicht gerne hier“, sagte die Jüngere laut und für alle verständlich, die um die Bank und den Fahrkartenautomaten herum warteten. „Immer, wenn ick hier umsteigen muss, will ick schnell wieder weg.“ „Ja“, sagte die Ältere, „immer die ganzen Ausländer! Die drei da, die brauchen doch gar keene Fahrkarten, det zahlt doch det Arbeitsamt.“ Eine Weile ging das so zwischen den beiden hin- und her. Später, in der S-Bahn, ärgerte ich mich, dass ich nichts gesagt habe. Und E. war entsetzt. „Die waren so gemein!“, sagte sie. „Nur ein Glück, dass die drei Männer kein Deutsch konnten.“